Gesundheitlicher Verfall im Ersten Weltkrieg

Kinder und Senioren als Leidtragende

Die Nahrungskrise des Ersten Weltkrieges führte zu Hungerkrisen in den industriellen Ballungszentren. Der gesundheitliche Verfall weiter Bevölkerungskreise war die Folge.

Während sich der Gesundheitsstand der ländlichen Bevölkerung während des Krieges kaum veränderte, verursachten Nahrungsmangel, Qualitätsverschlechterung der Lebensmittel und einseitige Ernährung eine erhebliche Zerrüttung der Gesundheitsverhältnisse in den Großstädten beziehungsweise den industriellen Zentren des Reiches.

Senioren verfielen auffällig rasch

„Die ersten fühlbaren Erscheinungen der Unterernährung begannen mit dem Januar 1915. Mit dem körperlichen Verfall der Stadtbevölkerung, der dann allmählich sich ausdehnte, wurde die Disposition zu Erkrankungen von Jahr zu Jahr günstiger“ (Max Rubner). In Folge der Rationierung fast aller Nahrungsmittel im Kriegsjahr 1916 zeigten sich bald ernste und schwere Gesundheitsstörungen durch Gewichtsabnahmen bis hin zur Unterernährung. „Auffallend rasch verfielen alte Leute, weil sie die Verschlechterung der Kost nicht ertrugen, meist allein stehend und ohne Familie waren und mit der Ration nicht auskommen konnten, während in einer Familie die gleichen Kostrationen für groß und klein einen Ausgleich der Nahrung erlaubten“, notierte ein Experte (Rubner).

Säuglinge blieben weitgehend verschont

Im Zuge der durch Mangelernährung verursachten Gewichtsabnahme häuften sich aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen die Klagen über Mattigkeit, Gedächtnisschwäche und rasche Ermüdung zum Beispiel bei der Arbeit. Einzig Säuglinge und Kleinkinder wurden von der Mangelversorgung und ihren gesundheitlichen Konsequenzen weitgehend verschont, zumeist auf Kosten der Gesundheit ihrer Mütter. Zudem trugen die kommunalen Fürsorgeeinrichtungen dazu bei, Säuglinge und Kleinkinder relativ unbeschadet durch die Kriegszeit zu bringen.

Krankheitsanfälligkeit bei Kindern stieg

Mit zunehmendem Alter jedoch verschlechterten sich die Überlebensbedingungen der Kinder, insbesondere in industriellen Ballungsräumen. Die geringen Lebensmittelzulagen führten zu Gewichtabnahmen, erhöhter Krankheitsanfälligkeit und Leistungsabfall in der Schule. „Dies zeigte sich spätestens bei der Einschulung nach Kriegsende, wo ein Großteil der Kinder 'wegen allgemeiner Schwäche' zurückgesetzt wurde“ (Anne Roerkohl). In der Gruppe der fünfzehn- bis zwanzigjährigen Schüler, die gemeinhin nicht mehr zulagenberechtigt waren, zeigte sich an manchen Orten sogar eine deutlich erhöhte Sterblichkeit.

Hungerödeme und Tbc-Mortalität bei Kriegsende

Der gesundheitliche Verfall traf auch die erwachsene Bevölkerung, differierte aber nach sozialen Gruppen. Während insbesondere die Schwerst- und Schwerarbeiter in der kriegswichtig produzierenden Industrie mit einem lebenserhaltendem Mehr an Nahrungsmittel versorgt wurden, waren zum Beispiel Beamte, Intellektuelle oder auch Arbeiter in der Friedensindustrie wesentlich schlechter gestellt. Das Jahr 1917 wurde, was Ernährungs- und Gesundheitsverhältnisse betraf, zum schlimmsten in der bisherigen Erfahrung der Städter. Von einer dramatisch zunehmenden Lebensmittelverknappung und erheblicher Qualitätsverschlechterung gekennzeichnet, stieg die Krankheitsanfälligkeit bald drastisch an. Registriert wurden eine signifikante Zunahme von Magen- und Darmerkrankungen, das Aufkommen von Hungerödemen insbesondere in geschlossenen Anstalten und schließlich ein erkennbarer Anstieg der Tbc-Mortalität, was insgesamt als Indikator einer zunehmenden gesundheitlichen Umwälzung interpretiert werden musste. Auch das letzte Kriegsjahr 1918 und das erste Friedensjahr 1919 brachten keine wesentliche Besserung der Versorgungsverhältnisse, so dass der gesundheitliche Verfall unter der Zivilbevölkerung unaufhaltsam voranschritt.

Verwendete Literatur

Max Rubner, Der Gesundheitszustand im Allgemeinen, in: F. Bumm, Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, 1. Halbband, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1928

Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges (Studien zur Geschichte des Alltages, Bd. 10), Stuttgart 1991

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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