
- Grenzstein am Dreiländereck - Stadtarchiv Versmold
Bis heute ist sie ausgeprägt und vielfach spürbar, die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in ihrem Verlauf am Teutoburger Wald. An manchen Stellen finden sich hier noch historische Grenzsteine, alt und von Wind und Regen derart verwittert, dass ihre Inschriften kaum noch zu erkennen sind. Bis heute markieren sie den besagten Grenzverlauf, sind also selbst im GPS-Zeitalter noch irgendwie gültig und insofern ernst zu nehmen. Ihre Geschichte ist bemerkenswert:
Staatsgrenze zwischen Osnabrück und Brandenburg
Am 25. November des Jahres 1837 schlossen die Königreiche Preußen und Hannover einen Staatsvertrag, der die Regelung und Besteinung der Hoheitsgrenze zwischen beiden Staatsgebieten zum Gegenstand hatte. Die Zeitgenossen hatten schlichtweg das Problem, dass der genaue Grenzverlauf zwischen Preußen und Hannover nicht vermessen und ausgesteint war. Zwar war es bereits im Jahre 1664 zu einem Abkommen zwischen Brandenburg (Großer Kurfürst) und Bischof Ernst August I. von Osnabrück gekommen, mit dem die gegenseitigen Grenzlagen definiert wurden. Im Zuge dieser staatsrechtlichen Auseinandersetzung wurden zudem auch schon erste Grenzsteine gesetzt – der älteste bis heute erhaltene liegt auf der Grenze Borgholzhausen / Melle und datiert von 1773. Ein weiterer, am so genannten „Dreiländereck“ zwischen den Stiften Osnabrück, Münster und Preußen-Brandenburg gelegen, datiert von 1828.
Ortskundige Bauern definieren den Grenzverlauf
Im Zuge des so genannten „Reichsdeputationshauptschluss“ sollten die Hochstifte Münster und Osnabrück vergehen, und Preußen veränderte seine Grenzen in napoleonischer Zeit gleich mehrfach. In den 1830er Jahren jedenfalls lag ein exakt vermessener Grenzverlauf nicht mehr vor, und Grenzsteine gab es auch kaum noch. So mussten die Behörden erneut aktiv werden. Umgesetzt wurden Grenzfindung und Besteinung dann zwischen den beteiligten Landräten bzw. Amtmännern, die die genauen Grenzverläufe allerdings auch nicht kannten. Wirklich kundig waren eigentlich nur die Bauern selbst, und die mussten daher auch befragt werden, denn die Grenzen ihrer jeweiligen Liegenschaften bildeten im Prinzip auch die Grenze zwischen den Königreichen. Dabei gab es natürlich auch Ausnahmen, denn so mancher Bauer hatte auch Grundeigentum jenseits der angenommenen Landesgrenze. So kamen hier einige sicher nicht einfache Auseinandersetzungen zusammen, die schließlich die Basis für eine exakte Grenzvermessung gaben.
„HP“ = Habgieriges Preußen?
Parallel hierzu war an die heimischen Steinhauer die Aufforderung zur Anfertigung neuer Grenzsteine ergangen. Sie wurden aus Sandstein gehauen und in zwei Größen gefertigt. In der Länge maßen sie 150 bzw. 80 cm, in der Stärke 45 bzw. 32 Zentimeter. Die Oberkanten wurden durchweg halbkreisförmig abgerundet. Eine Stirnseite trug den Buchstaben „H“ für Hannover, die andere das preußische „P“. Manch Osnabrücker konnte nicht widerstehen, besagtes „HP“ fortan mit „Habgieriges Preußen“ zu übersetzen. Schließlich wurde auf jedem Stein die Jahreszahl 1837 eingemeißelt und nach stattgehabter Grenzziehung konnten die Steine gesetzt werden.
Vom Untergang Hannovers bis zum modernen Bundesland
Mit der Niederlage Hannovers 1866 verging das Königreich der Welfen und aus den ehemaligen Osnabrückern, die etwa ein Leben lang Hannoveraner gewesen waren, wurden nun Preußen, hannoversche Preußen, um genauer zu sein. Damit fiel die Landesgrenze weg, indem sie zur Grenze der preußischen Provinzen Hannover und Westfalen wurde. Hieraus schließlich entstand nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen den beiden künstlich errichteten Bundesländern NRW und Niedersachsen, wobei immerhin Niedersachsen mit dem Königreich Hannover ein ungefähres historisches Vorbild hatte.
Verwaltungs- und Kommunikationsgrenze bis heute
Im Hinblick auf die regionale und lokale Verwaltung allerdings blieb die Grenze auch nach 1866 noch wirkungsmächtig. Die Kommunen sind naturgemäß auf ihre jeweiligen Kreise und die Nachbargemeinden im Kreis hin bezogen; zu den Kommunen der Nachbarkreise, die hier sogar in einem benachbarten Bundesland liegen, gibt es nur relativ wenige Regelungsnotwendigkeiten und sachliche Berührungspunkte.
Ausflugsziel und Landesgrenze zugleich
Die 1837 gesetzten Grenzsteine finden sich noch heute, natürlich nicht alle, aber doch ein nach Dutzend zählender Bestand. Mittlerweile sind sie beliebte Ausflugsziele geworden, vor allem der Grenzstein am so genannten „Dreiländereck“ zwischen Versmold (Grafschaft Ravensberg in Westfalen), Sassenberg (Bistum Münster) und Bad Laer (Hochstift Osnabrück). Jährlich treffen sie hier die Heimatvereine der benachbarten Gemeinden, die Jahrhundertelang an eben dieser Stelle voneinander getrennt wurden. Übrigens: In gewisser Weise sind die Grenzsteine aus alter Zeit noch immer gültig, d. h., sie markieren bis heute den Grenzverlauf zwischen Niedersachsen und NRW. Man sieht, mach historisches Relikt ist doch mehr als allein der Nostalgie verbunden.
