Kriegsversehrte und Arbeitswelt 1914-1918

Zur beruflichen Integration der Kriegsinvaliden im Ersten Weltkrieg

Kriegsinvalide sollten rasch in die Arbeitswelt reintegriert werden. Dabei war dem Glauben an die technischen Möglichkeiten der Orthopädie kaum eine Grenze gesetzt.

Millionen von Kriegsversehrten forderte der Erste Weltkrieg. Aber der Staat, der seine Söhne wie Schlachtvieh an die Fronten in West und Ost schaffen ließ, war nicht bereit, sich ihrer auch noch anzunehmen, wenn sie zu Invaliden geworden waren. Im Gegenteil richteten sich die Anstrengungen rasch darauf, die Invaliden irgendwie in die Arbeitswelt zu integrieren, auch um finanzielle Ansprüche abzuwehren.

Widerstände bei der Reintegration der Kriegsversehrten

Jedoch zeigten sich die Schwierigkeiten beim Versuch der beruflichen Reintegration der Kriegsbeschädigten relativ rasch. Widerstände gab es zum einen von Seiten der Industrie, des Handwerks und des Handels. Erstens wollte man keine Kriegsbeschädigten bei sich sehen, zweitens wollte man sie, wenn man sie denn schon nehmen müsste, spätestens bei Kriegsende wieder los werden, und drittens wollten auch die Kriegsbeschädigten selbst in erster Linie, dass ihr Opfer auf dem Altar der Vaterlandsliebe auch entsprechend anerkannt und so entschädigt würde, dass ihnen die oftmals entwürdigenden Auftritte in der Öffentlichkeit ihrer jeweiligen Berufswelt erspart blieben.

Arbeitsfelder für so genannte „Kriegskrüppel“

Staat und Verwaltung jedoch bestanden auf der Arbeitsfähigkeit der Kriegskrüppel und wusste eine Reihe von Einsatzfeldern zu benennen, für die sie mit Hilfe orthopädischer Hilfsmittel doch in Frage kommen könnten. Wer in den entsprechenden Listen liest, fühlt sich gelegentlich an die Angebotspalette einer menschlichen Roboterfabrik erinnert (Bernd Ulrich): „Zahntechniker muß beide Hände haben, kann aber künstliche Beine besitzen. Mechaniker: Beide Arme notwendig. Feinmechaniker können einarmig sein. Retoucheure oder Kopisten können den linken Arm oder einzelne Finger sowie ein Auge entbehren“ und so weiter.

Die Orthopädietechnik wiederum tat ihr möglichstes, um besagtes Ziel, die Überwindung der Gebrechlichkeit also, zu erreichen. Für das Fachgebiet bot der Weltkrieg letztlich ideale Arbeitsmöglichkeiten, denn nun boten die Körper der Kriegsopfer, was den gesunden Arbeitern nicht hatte zugemutet werden können: Perfektionierung durch den Ersatz unzulänglicher menschlicher Glieder. Der Mensch wurde zum Objekt der Mechanik, er wurde zur austauschbaren Maschinerie, und mancher Techniker des Gesundheitswesens sollte bald wünschen, nicht allein den kranken, sondern auch den gesunden und doch unzulänglichen Menschen durch die Segnungen des technischen Fortschritts noch weiter für seinen Einsatz in der aufstrebenden Industrie perfektionieren zu können.

Beruflich integriert und doch ausgegrenzt

Für die Invaliden selbst blieb letztlich nur der Weg zurück ins Berufsleben, waren doch die staatlichen Renten minimal. So gesehen scheint die Wiedereingliederungspolitik während des Krieges auf den ersten Blick erfolgreich verlaufen zu sein. „Unterstützt durch ein breites Spektrum staatlicher Programme überlebten diese Männer die wirtschaftlichen Wechselfälle der Weimarer Republik oftmals besser als ihre Mitbürger. Sie lernten, mit Verletzungen zu leben, die sich einige wenige Jahre früher niemand auch nur hatte vorstellen können. Und dennoch, trotz der insgesamt geglückten materiellen Eingliederung in die Gesellschaft behielten die Versehrten ein Gefühl des Ausgegliedert-Seins ...“ (Deborah Cohen). Fraglos waren sie Glieder der Gesellschaft, vielfach in Familie und Beruf integriert. Aber zugleich blieben sie als Kriegsbeschädigte, „Mitglieder einer Schicksalsgemeinschaft" (Cohen), denen der Erste Weltkrieg auch ganz persönlich Zeitenwende geworden war.

Literatur

K. Biesalski, Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag Hamburg 1915, Beilage zur Zeitschrift für Kriegskrüppelfürsorge, 8/1915/16.

Deborah Cohen, Kriegsopfer, in: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, hg. v. Rolf Spilker und Bernd Ulrich, Ausstellungskatalog, Bramsche 1998.

Ewald Frie, Vorbild oder Spiegelbild? Kriegsbeschädigtenfürsorge in Deutschland 1914-1919, in: Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, hg. v. Wolfgang Michalka, München 1994, S. 563-580.

Bernd Ulrich, „... als wenn nichts geschehen wäre“. Anmerkungen zur Behandlung der Kriegsopfer während des Ersten Weltkrieges, in: Gerhard Hirschfeld u.a., (Hg.), Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch, Essen 1993.

Sind die Kriege gefährlicher geworden? in: Die Umschau, 18 (1914).

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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