Kriegsweihnacht im Schützengraben 1914

Als Deutsche, Briten und Franzosen gemeinsam Weihnachten feierten

Weihnachten 1914 legten die Kriegsgegner an der Westfront spontan die Waffen nieder und begegneten sich über den Schützengräben im Frieden als Menschen.

Eigentlich hätten sie zu Weihnachten schon wieder daheim sein wollen, die riesigen feldgrauen Heere, denen man im August des Jahres 1914 noch versprochen hatte, dass der Krieg nur kurze Monate dauern würde. Jedoch, vom Ende der Kämpfe war längst nicht mehr die Rede. Hunderttausende Kriegstote waren mittlerweile zu beklagen, und quer über den Kontinent zog sich ein Grabensystem von rund 600 Kilometern Länge wie eine schwärende Wunde des Verderbens hin. Millionenheere lagen sich hier in täglichem Schlachten gegenüber.

“We not shoot – you not shoot“

Längst war die anfängliche Kriegsbegeisterung einer tiefen Resignation gewichen. Sicher, es hatte rasche Siege gegeben, doch der Friede an den Fronten schien weit entfernt. Jedoch, zu den Weihnachtstagen sollte er kommen und auch die schlammdurchwühlten Unterstände im fernen Frankreich erreichen.

In der bitterkalten Nacht des 24. Dezember 1914 zeigte sich der Himmel über den flandrischen Schützengräben sternenklar, und der voll erwachte Mond spendete seinen warmen Schein, als auf den Brüstungen der deutschen Schützengräben einzelne Lichter aufflackerten. Die Heeresleitung hatte an verschiedenen Frontabschnitten kleine Weihnachtsbäume verteilen lassen, dazu einige Kerzen, eigentlich nur, um die eigenen Truppen zum Fest zu besänftigen. Als nun die Kerzen aufflackerten, ertönten auch die ersten Weihnachtslieder, Klassiker wie „Stille Nacht“, die man auch in England kannte. Nachdem die letzten Töne verklungen waren, rief es aus den Gräben der Briten: „Well done Fritzens“, und die Deutschen riefen zurück: „Merry Christmas Englishmen – We not shoot – you not shoot“.

Friede zwischen Feinden

Tatsächlich sollte sich der weihnachtliche Friede bald über die Breite beinahe der gesamten Front erstrecken. Und zwischen vereinzelten Lichtern und Liedern, die mal hüben und mal drüben der Frontlinie gesungen wurden, trafen sich die Feinde im Niemandsland zwischen ihren Gräben. Es herrschte Waffenruhe, unausgesprochen zwar, aber doch weitgehend gültig, allein von den Landsern aller Nationen getragen, die sich hier begegneten, Geschenke austauschten, einander als Menschen erkannten. Ja, es herrschte sogar Friede zwischen all jenen, die sich nur Stunden zuvor noch mit erbitterter Grausamkeit und von verzweifelter Angst um das eigene Überleben getrieben, gegenseitig hatten umbringen wollen.

Zwischen Fußballspiel und Leichenbestattung

An manchen Frontabschnitten ging der Friede sogar noch einige Stunden, ja Tage fort. Manchenorts wurden Fußballspiele ausgetragen; mit Draht umwickelte Bündel Stroh dienten als Ball, und längst gebrauchte Granatstiele als Torpfosten. Hin und wieder musste auch eine deutsche Pickelhaube dran glauben, manchmal markierten englische Feldmützen das Tor. Gelegentlich ließen die Engländer sogar regelrechte Lederbälle aus der Etappe heranschaffen. Und gespielt wurde mit Hunderten von Soldaten. An anderen Orten wiederum konnten endlich die Gefallenen aus den Granattrichtern geborgen und mit Ehren beigesetzt werden.

Und dann waren die Weihnachtstage vorüber und der Krieg entzündete sich erneut, mit schwerem Artilleriefeuer, allein von der Logik einer Machtpolitik diktiert, die den Wert des Lebens niemals zu erkennen imstande war, bis heute nicht.

Literaturtipp

Michael Jürgs, Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München 2003.

Filmtipp

„Merry Christmas“, F/D,GB/B/Rumänien 2005, Buch und Regie: Christian Carion, mit Diane Krüger und Benno Führmann.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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