
- Propagandapostkarte zur Kartoffelnot, 1915 - Sammlung Prof. Giesbrecht
Kriegswinter 1916/1917: Deutschland wurde nun von einer Hungersnot gepackt, aus der es für Monate keinen Ausweg gab. Besonders schlimm war der Mangel an Kartoffeln; die Ernte hatte nur die Hälfte der üblichen Erträge gebracht. Steckrüben, manchenorts auch Kohlrüben waren die einzige Alternative, die der Bevölkerung noch blieb. Steckrübengerichte galten als ausgesprochenes „Arme-Leute-Essen“, und Kohlrüben weckten darüber hinaus sogar Ekel und Abscheu; selten war die Not an der „Heimatfront“ so groß.
Wie kam es zur Nahrungsknappheit im Ersten Weltkrieg?
Grundlage für die Nahrungsmittelknappheit im Deutschen Reich während des Ersten Weltkrieges war die Kontinentalblockade, die die Alliierten bei Kriegsausbruch über die Deutschen Küsten verhängten. 1915 schon setzte eine erhebliche Kriegsteuerung ein, die man mit Höchstpreisen zu bekämpfen suchte. Doch wann immer ein Nahrungsmittel mit Höchstpreisen ausgewiesen war, verschwand es faktisch vom offiziellen Lebensmittelmarkt, während der Schwarzhandel mehr und mehr um sich griff. Das Reich reagierte mit einer umfassenden Lebensmittelrationierung und führte ein Bewirtschaftungssystem auf Grundlage von Lebensmittelkarten ein. Im Frühjahr 1915 wurden die ersten Lebensmittelkarten ausgegeben, und nur ein Jahr später war kaum noch ein Ge- oder Verbrauchsgut frei erhältlich. Jedoch sollte eine Reihe systemimmanenter Schwachstellen für erhebliche Verbitterung unter den Verbrauchern sorgen, die oftmals über Stunden von Geschäft zu Geschäft hetzen mussten, um ihre Rationen auch tatsächlich zu erhalten.
Die Kartoffelbewirtschaftung
Wohl niemand hatte sich vor Kriegsausbruch vorstellen können, dass es jemals einen Mangel an Kartoffeln geben würde. Denn die Kartoffelerzeugung des Reiches war im Frieden so reichlich, dass sie nicht nur den gesamten menschlichen Nahrungsbedarf decken, sondern auch einen Beitrag zur Viehfütterung leisten konnte. Im Krieg wurden Kartoffeln dann aber schnell knapp, weil sie fehlendes Getreide und fehlendes Fleisch ersetzen mussten. Schon im Februar 1915 wurden sie teuer, und im darauf folgenden Jahr nahm das Reich die Kartoffeln in das offizielle Bewirtschaftungssystem auf. Die Reichskartoffelstelle wurde ab 1916 zu der zentralen Instanz, bei der alle Bedarfsanmeldungen für Industrie- und Speisekartoffeln zu stellen waren (Gündell). Innerhalb der Reichsstelle wurden die Kommunalverbände zwischen Bedarfs- und Überschussverbänden unterschieden. Fortan sollten die Städte und Gemeinden ihren Bedarf dort anmelden und dann entsprechend beliefert werden (Arnoldi).
Kartoffelknappheit im ganzen Reich
Doch seit dem Oktober 1916 kam es im gesamten Reich zu schweren Stockungen in der Kartoffelversorgung der Bedarfsgebiete. In einer zeitgenössischen Quelle heißt es: „Ungünstiger Ausfall der Ernte und verspätete Bestellung haben vielfach die Kartoffelanfuhr beeinträchtigt. Zahlreiche Kreise haben sich außerstande erklärt, die ihnen (...) auferlegten Kartoffellieferungen zur Ausführung zu bringen” (Staatsministerium OL). Warum war die Ernte so knapp? Den Bauern fehlte es vielfach an Kunstdünger, was die Erträge sinken ließ. Außerdem gerieten Kartoffeln rasch in den Schwarzhandel, wo man sie teuer verkaufen konnte. So blieb für den kalkulierten Bedarf der Bevölkerung einfach nicht genügend übrig.
Infolge dieser Schwierigkeiten hatte der Reichskanzler den Tagessatz an Kartoffeln für Verbraucher von ursprünglich eineinhalb Pfund auf ein Pfund herabgesetzt. Schwerarbeiter allerdings sollten eine tägliche Zulage von einem zusätzlichen Pfund Erhalten (Reichsgesetzblatt 1916). In den folgenden Monaten mussten die Kartoffelrationen sogar noch weiter gesenkt werden, und vielfach blieben die Lieferungen gänzlich aus; allein Kohl- und Steckrüben blieben noch zur Verteilung übrig.
Steckrübenpropaganda und ihre Wirkung
Die Ernte- und Versorgungskrise des Reiches führte im Verlauf des Weltkrieges zu Hunderttausenden Todesopfern. Doch statt nach neuen Verteilungswegen zu suchen oder noch besser den Krieg, der ohnehin nicht zu gewinnen war, zu beenden, konzentrierten sich Staat und Gesellschaft mehr und mehr auf eine Lebensmittelpropaganda, die sich zum Teil ins Absurde steigerte und schließlich regelrecht kontraproduktive Wirkung zeigte.
So etwa in der Propaganda für Steckrüben, die im Kriegswinter 1916/17 die fehlenden Kartoffeln ersetzen sollten und nachgerade überschwänglich angepriesen wurden, obwohl sie, als ausgesprochene Armenkost bekannt, weithin Abscheu erweckten. Steckrüben seien haltbarer, bequemer zu verarbeiten und billiger als Kartoffeln, dazu extrem nährstoff- und eiweißhaltig, als eigenständiges Gericht ebenso geeignet wie als ständige Beilage zu Mischgemüse. Ja selbst Gebäck ließe sich aus Steckrüben herstellen, hieß es, dazu Marmeladen, Steckrübenfrikadellen und sogar Brotaufstriche. Tatsächlich blieben Marmeladen und sonstige, aus Steckrüben hergestellte beziehungsweise mit Steck- und Kohlrüben gestreckte Gerichte oder Brotaufstriche qualitativ zu mangelhaft, als dass sie als vollwertiges Nahrungsmittel hätten gelten können. Eher im Gegenteil erweckten insbesondere Kohlrüben, als Ersatzlebensmittel eingesetzt, Ekelgefühle: „Noch heute sind Kohlrüben im Zusammenhang mit den Kriegsverhältnissen ein Synonym für Hunger und Entbehrung der Zivilbevölkerung“ (Roerkohl). Und darüber hinaus sorgte die Steckrübenpropaganda mit dafür, dass der obrigkeitliche Staat, der nicht einmal im Stande war, seine Bevölkerung angemessen zu versorgen, erheblich an Legitimität verlor und im November 1918 ohne jeden Widerstand zusammenbrach.
Literatur
Arnoldi (Regierungsrat), Die öffentliche Bewirtschaftung der Kartoffel in der Kriegszeit, in: Die Ernährung im Wirtschaftsjahr 1917/18, hg. v. Kriegsernährungsamt, Berlin o.J.. (1918?),
Gisela Gündell, Die Organisation der deutschen Ernährungswirtschaft im Ersten Weltkrieg, Leipzig 1939
Reichardt, Die Kriegsmaßnahmen zur Regelung des Verkehrs mit Obst, (Beiträge, H. 28), Berlin 1918
Reichsgesetzblatt 1916
Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkriegs, (Studien zur Geschichte des Alltags, Bd. 10), Stuttgart 1991
